Wasserturm im Landsitz von Rudolf Mosse in Schenkendorf. Wohn- und Geschäftsadresse der Familien Levy, Meyer und Bernstein., Foto: Links: Kunstanstalt Max Ziebell Berlin, Zeno.org. Rechts: Radler 59, CC-SA 4.0.
Erste schriftliche Hinweise auf jüdisches Leben in Mittenwalde sind auf das Jahr 1356 datiert. Aus diesen geht hervor, dass es vier Juden unter dem Wittelsbacher Kurfürsten Ludwig IV. durch die Gewähr eines landesherrlichen Privilegs gestattet war, sich in Mittenwalde niederzulassen. So entstand in der Katharinenstraße das jüdische Viertel. Durch Fehlen entsprechender Berichte ist nichts weiter über diese Gemeinde in den nachfolgenden Jahren bekannt.
Es wird angenommen, dass auch diese Religionsgemeinschaft durch die 1510 veranlassten Judenprozesse betroffen war und aus der Stadt ausgewiesen wurden. Durch die spätere Neuansiedlung in der Straße entstand in der Hausnummer 33 der Katharinenstraße um 1750 die Synagoge, die dort bis zum Stadtbrand 1827 stand. In anders lautenden Berichten wird der Bau der Synagoge auf das Jahr 1830 zeitgleich der Gründung des Friedhofs datiert.
Aus wissenschaftlichen Verweisen und Quellen gehen einige schriftliche Dokumentationen über Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft Mittenwaldes aus dem 17. bis 18. Jahrhundert hervor, sodass deren Berufsstand und Lebensdaten heute bekannt sind: Beispielsweise ein Schutzbrief aus dem Jahre 1691 an Herschel Joachim, ehemaliger Handelsdiener des Juden Schulhoff Berlins. Ebenfalls gibt es einen Nachweis in Form einer Heiratseintragung im Jahr 1789, in der ein Joachim Simson notiert ist.
Ab 1801 verzeichnete die Stadt Mittenwalde 15 jüdische Einwohner. In den darauffolgenden Jahren wuchs die Gemeinde bis auf ihren Höhepunkt im Jahr 1850 auf 39 Mitglieder an. Danach sank die Zahl jedoch stetig, sodass 1905 nur noch 13 jüdische Einwohner in Mittenwalde gemeldet waren. Als mögliche Gründe für die sinkenden Zahlen werden sowohl sinkende Geburtenraten und Abwanderung nach Berlin als auch die Teilung der Mittenwalder Gemeinde infolge der Gründung einer eigenen Synagogengemeinde im Jahr 1890 durch 86 Köpenicker Juden angegeben. Ein Zusammenschluss mit dieser Jüdischen Gemeinde Köpenick, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhundert angestrebt worden war, wurde dann 1911 möglich.
Aus einer 2012 veröffentlichten Recherche durch den Kulturlandschaft Dahme -Spreewald e.V. 2012 und die Jüdische Gemeinde Königs Wusterhausen über die jüdische Geschichte der Region geht hervor, dass über einige jüdische Bewohner der Stadt Mittenwalde und deren Schicksale Informationen aus der Zeit des Nationalsozialismus bekannt sind.
So wird beispielsweise der Arzt Dr. Erich Anschel und dessen Familie genannt, der vor 1933 als Allgemeinarzt in Mittenwalde praktizierte und während der NS-Zeit vertrieben wurde. Ein Großteil seiner Angehörigen wurde in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt verschleppt oder verstarb im Ghetto Litzmannstadt-Łódź in Polen. Er selbst floh mit seiner Ehefrau, Tochter und Schwiegermutter nach Bolivien. Eine weitere Familie, die Familie Meyer, deren Brüder Otto und Max Meyer ein einträgliches Fuhrgeschäft in Mittenwalde bis 1938 betrieben, wurde aus Mittenwalde vertrieben oder deportiert. Max Meyer und seine Frau Betty starben nach ihrer Deportation am 3. Oktober 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt. Ihre genauen Todesdaten konnten jedoch nicht ermittelt werden. Sein Bruder Otto Meyer konnte nie durch die Gestapo festgenommen werden und gilt als einziger Überlebender der Familie.
Als eine der namhaften Kaufleute der Stadt wurde einerseits die Familie Levy erwähnt, die eines der ältesten ansässigen Kaufhäuser Mittenwaldes bis 1936 besaß. Inhaber Leopold Levy wurde festgenommen und in die „Landesirrenanstalt“ Teupitz gebracht, wo er nach Angaben von Zeitzeugen verstarb. Seine Frau und sein Sohn sollen nach Palästina geflüchtet sein.
Anderseits betrieb seit 1912 die Familie Bernstein, um Kaufmann Max Bernstein, das Kaufhaus „Max Bernstein“ im Mittenwalder Zentrum. Ab 1933 geriet das Kaufhaus nach Hinderung und Anstiftung zum Boykott durch die Nazis zunehmend in finanzielle Not. Die Familie zog vorübergehend zu Familie Meyer und musste das Geschäft in Folge der Zwangsenteignung 1938 aufgeben. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden die Geschäfts- und Wohnräume der Familie sowie der Schriftzug des Kaufhauses zerstört. Im selben Jahr verließ die Familie Mittenwalde und zog nach Berlin. Am 19. April 1943 wurden der 64-jährige Max Bernstein sowie seine Ehefrau Gertrud und einer seiner Söhne Karl-Heinz nach Auschwitz deportiert und getötet. Als einziger Überlebender konnte der älteste Sohn Horst-Günther ins Ausland nach Australien fliehen. Ebenfalls wird die Familie Müller genannt, die nach den Ausschreitungen 1938 nach England floh.
Im nahe Mittenwalde gelegenen Schenkendorf lebte bis 1933 Familie Mosse, die zwar nicht zur örtlichen Jüdischen Gemeinde gehörte, aber die Stadt nachhaltig prägte und ebenfalls von der NS-Verfolgungspolitik betroffen war. 1896 hatte der erfolgreiche Berliner Verleger Rudolf Mosse das verwaiste Rittergut des Ortes gekauft, um hier seinen Sommersitz zu errichten. Das von ihm in Auftrag gegebene Schloss wurde nicht nur Wohnort der Familie, zu der neben seiner Frau Emilie und ihrer Adoptiv-Tochter Felicia auch deren Mann Hans Lachmann-Mosse und die drei gemeinsamen Kinder Rudolf, Hilde und Georg(e) gehörten. Es entwickelte sich außerdem zu einem bedeutenden Treffpunkt von Künstlern, Politikern und Wissenschaftlern. Gleichzeitig engagierte sich die Familie in und für ihre Gemeinde Schenkendorf im Bereich der Wohltätigkeit und als Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr sowie bei der Bewirtschaftung des landwirtschaftlichen Gutes im benachbarten Dorf Gallun.
Zum Gedenken dieser Familien und deren Leben in Mittenwalde wurden in der Stadt und in Berlin Stolpersteine verlegt, darunter seit 2022 fünf Stolpersteine vor der Kirche in Schenkendorf für die Familie Mosse.
Tabea Reinders
Quellen, Literatur, Internet
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Infotafel, Gedenkstätte jüdischer Friedhof Mittenwalde
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